AKW-Laufzeitverlängerung: Keine Garantie für Versorgungssicherheit

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AKW in Avignon, Frankreich
Teuer und ineffizient: Eine AKW-Laufzeitverlängerung hilft weder dem Klima noch bringt es die Energieunabhängigkeit voran / (c) shutterstock

Ausstieg vom Ausstieg? Vor dem Hintergrund von Ukraine-Krieg und Gaskrise  fordern Politiker:innen aus CDU/CSU und FDP, die drei letzten deutschen Atomkraftwerke länger laufen zu lassen. Ein Blick ins Nachbarland Frankreich belegt jedoch, dass Atomkraft keine zuverlässige Alternative ist. Die dortigen Meiler liefern seit 2018 nur in rund zwei Dritteln ihrer theoretisch möglichen Jahreslaufzeit Strom – Tendenz fallend. Das zeigt eine Kurzanalyse von Energy Brainpool im Auftrag der Ökoenergiegenossenschaft Green Planet Energy. Eine Problematik, die auf Deutschland übertragbar ist.

„Die Jahrzehnte alten Atomkraftwerke sind kein Baustein einer sicheren Energieversorgung, sondern Risiko und Hemmschuh für den Ausbau erneuerbarer Technologien. Das gilt für Frankreich ebenso wie für Deutschland“, sagt Sönke Tangermann, Vorstand bei Green Planet Energy und ergänzt: „Was bringt uns eine Erzeugungstechnologie, auf die wir uns nicht verlassen können, wenn es darauf ankommt?“

Debatte um AKW-Laufzeitverlängerung

Einige Politiker:innen fordern, AWKs wie Isar 2 weiterlaufen zu lassen: Foto: footageclips/Shutterstock. Foto oben: Bob Pool/Shutterstock

Hierzulande wird von interessierten Kreisen vor dem Hintergrund des Ukrainekriegs eine Debatte in Gang gesetzt, ob die Laufzeiten der letzten drei noch am Netz befindlichen AKW über das im Atomausstiegsgesetz festgelegte Abschaltdatum Ende 2022 hinaus verlängert werden sollten. So hatte Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) eine „ideologiefreie“ Debatte über längere Atom-Laufzeiten eingefordert, sekundiert u.a. vom bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU). Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) weist dies mit Blick auf den geringen Beitrag der Atomenergie zur Versorgungssicherheit zurück. Die neue Energy Brainpool-Analyse gibt dem Vize-Kanzler Recht: „Laufzeitverlängerungen für bestehende Reaktoren sind für die Sicherheit der Energieversorgung tatsächlich als weniger effektiv einzuordnen als nachhaltige Investitionen in andere Kraftwerkstechnologien“, so das Fazit von Analyst Michael Claußner.

Frankreich: Alte Meiler, hohe Kosten

Im untersuchten Beispielland Frankreich verschlechterte sich laut Analyse die Verfügbarkeit der dortigen Reaktoren im Schnitt um vier Prozentpunkte pro Jahr. Im April und Mai 2022 sank sie sogar auf historische Tiefstwerte: Mehr als die Hälfte der installierten Kraftwerksleistung in Frankreich steht dort nicht zur Verfügung. Die Folgen: Die Strompreise im Land schossen auf beispiellose Höchstwerte – und Frankreich könnte 2022 laut Analyse erstmals seit Jahren wieder Strom importieren müssen, statt ihn zu exportieren.

Die Grafik zeigt die Verfügbarkeit von Atom, Gas- und Wasserkraftwerken in Frankreich.

Die hohen Ausfallzahlen in Frankreich sind laut Energy Brainpool sowohl auf geplante Instandhaltungsmaßnahmen und Inspektionen zurückzuführen als auch auf strategische Drosselungen zur Einsparung von Brennstoff. Hinzu kommen Abschaltungen wegen aufgetretener Schäden an den Anlagen, wie etwa Korrosion bei sicherheitsrelevanten Teilen. Prognosen des Betreiberkonzerns Electricité de France (EDF) deuten laut Analyse darauf hin, dass sich die Versorgung mit Atomstrom weiter verschlechtert: Für 2023 erwartet EDF demnach nur noch eine Produktion von 300 bis 330 Terrawattstunden. Das sei „der niedrigste Wert seit 30 Jahren“, so Energy Brainpool.

Laufzeitverlängerung für die drei letzten deutschen AKW?

Sönke Tangermann, Vorstand von Green Planet Energy, sieht ähnliche Probleme wie in Frankreich auch für Deutschland. Foto: Christine Lutz / Green Planet Energy eG

„Die Probleme der mangelnden Versorgungssicherheit lassen sich auch auf Deutschland übertragen“, sagt Sönke Tangermann. Die drei hierzulande noch verbliebenen Meiler – Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 – sind jeweils mehr als 30 Jahre alt. Ungeklärt ist, wie groß der technische Nachrüstbedarf für eine AKW-Laufzeitverlängerung wäre – und auch, ob die AKW dafür längere Zeit vom Netz gehen müssten. In jedem Fall müssten in Erwartung der Abschaltung zurückgestellte sicherheitsrelevante Prüfungen und Instandhaltungsarbeiten nachgeholt werden.

Zudem fehlen Personal, Ersatzteile und vor allem Uran-Brennstoff, weil die AKW-Betreiber bislang fest mit einem Betriebsende im Dezember 2022 kalkuliert haben. Weil die Neubeschaffung von Uran bis zu zwei Jahre Zeit benötigen würde, ist nicht auszuschließen, dass die Meiler bis dahin nur mit phasenweise gedrosselter Leistung arbeiten könnten. „Wer hierzulande behauptet, die drei letzten deutschen AKW würden quasi als Rundum-Sorglos-Paket russisches Gas und Öl ersetzen können, betreibt gezielte Augenwischerei“, kritisiert Tangermann.

Erneuerbare Energien konsequent ausbauen statt AKW-Laufzeitverlängerung

Stattdessen sollte Deutschland „Kurs halten und, wie geplant, konsequent den Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung ausbauen“, so der Green Planet-Energy-Vorstand. Neben dem raschen Zubau neuer Wind- und Solarparks könnten unter anderem mehr wasserstofffähige Gaskraftwerke und eine Modernisierung bestehender Wasserkraftwerke einen spürbaren Beitrag leisten, ergänzt Michael Claußner von Energy Brainpool: „Diese Technologien bringen für die Sicherung der Energieversorgung einen größeren Nutzen als die diskutierte Laufzeit-Zugabe für alte Atomkraftwerke.“

„Adieu, Atom!“: Auf dieser Webseite haben wir zahlreiche Argumente zusammengestellt, die gegen eine AKW-Laufzeitverlängerung in Deutschland sprechen. Die Aussagen basieren auf eigenen Studien und Analysen oder sind jeweils mit öffentlich zugänglichen Quellenangaben versehen. Die Kurzanalyse von Energy Brainpool finden Sie hier