„Unser Dorf bleibt!“ Da ist sich zumindest Barbara Ziemann-Oberherr sicher: „Dass die Braunkohle hier unter Keyenberg nicht mehr gebraucht wird, wissen doch alle“, sagt die wehrhafte Dorfbewohnerin. Die neue Bundesregierung hat mit ihrem Koalitionsvertrag neue Zukunftsperspektiven für die fünf Dörfer im Rheinischen Revier eröffnet. So ganz vom Tisch ist das Thema aber noch nicht – zumindest bis August dieses Jahres.

Denn dann – so der Plan – soll es konkreter werden: Dann wird mit spitzem Stift nachgerechnet, wie viel Braunkohle im Zuge des Kohleausstiegs noch abgebaggert werden kann. Ende des Jahres soll eine neue Leitentscheidung der NRW-Landesregierung endlich Klarheit bringen. Bis es soweit ist, müssen Barbara und die übrigen 59 verbliebenen Menschen ein Keyenberg sich noch gedulden. „Eine Zitterpartie würde ich das nicht nennen“, sagt sie, „wir sind eher in Warteposition.“

Friedhof der Dörfer in Rheinischen Revier – Protestaktion in Keyenberg im Juni 2021. Foto: © Christoph Schnüll/Alle Dörfer Bleiben

Solange dieser Zustand andauert und nichts beschlossen ist, fließt allerdings auch noch kein Geld in die Infrastruktur. Doch Keyenberg und die anderen alten Orte in der Umgebung haben bereits einen neuen Verein gegründet. „Zukunftsdörfer“ nennt sich der Zusammenschluss – denn es geht natürlich darum, gemeinsam eine Vision für die Zeit ab 2030 zu entwickeln. Aktuell stehen in den zuvor zum Abbaggern verurteilten Dörfern Keyenberg, Kuckum, Unter- und Oberwestrich sowie Berverath viele der Häuser leer, sind die Fenster mit Brettern vernagelt, liegen Trümmer auf den Grundstücken. Offen ist noch das Schicksal von Lützerath, über das die Gerichte entscheiden.

Mit Beethoven gegen die Bagger: Beim Unterstützungs-Konzert für Keyenberg spielt sogar die Sonne mit. Und die wird hier auf den Hofdächern schon bald durch per Solarstrom plus geförderte PV-Anlagen eingefangen. Foto: © Hubert Perschke/Alle Dörfer Bleiben

Keyenberg hat noch Reste seiner alten Dorfgemeinschaft lebendig halten können, bewahrt von Bewohner:innen, die fast so widerspenstig sind wie die Gallier im namenlosen Heimatdorf von Asterix. Und die werkeln beharrlich an einer klimafreundlichen Zukunft: Seit dem letzten Jahr können alle verbliebenen Menschen im Dorf ihren Stromverbrauch im Prinzip zu 100 Prozent mit den Solaranlagen auf ihren Dächern decken. „Das muss die Zukunft sein. Wenn die Dörfer neu aufgebaut werden, dann unbedingt mit so viel erneuerbaren Energien vor Ort, dass sie sich auch bei einer wieder wachsenden Bevölkerung komplett selbst damit versorgen können.“O

Auch das Dach des eigenen Hauses von Barbara ziert seit Herbst letzten Jahres eine Photovoltaikanlage – gefördert mit dem Solarstrom plus-Tarif des Ökoenergieanbieters Green Planet Energy. So wie auch die anderen der insgesamt fünf Anlagen im Dorf. Zusammen produzieren die schon bis jetzt von der Energiegenossenschaft beigesteuerten Module künftig rund 75.000 Kilowattstunden Strom – das deckt rein rechnerisch sogar mehr als den aktuellen Eigenbedarf von Keyenberg. Es gibt nicht viele Orte, die das von sich behaupten können. Dennoch geht es den Menschen hier noch nicht weit genug. „Mein Wunsch ist, dass wir auch beim Thema Wärme und Heizen autark werden“, sagt Barbara.

Hier kommt die Bedrohung fast beiläufig daher: Nur ein paar hundert Meter von Keyenberg entfernt ragen die RWE-Bagger empor, denen schon viele Dörfer zum Opfer fielen. Foto: © Christoph Schnüll/Alle Dörfer Bleiben

Bis es soweit ist, bewahren sich die Menschen in Keyenberg die Flexibilität, die sie nicht zuletzt durch ihren Widerstand gewonnen haben. Als im vergangenen Sommer die Flut das Ahrtal und andere Orte der Region überschwemmte, boten die leerstehenden Häuser im Dorf erste Zufluchtsorte für diejenigen, die gerade alles verloren hatten. „Wir haben diesen Menschen per Aufruf neue Möbel besorgt und alles, was man sonst so braucht. Die Häuser standen ja schon länger leer, es musste geputzt und gewischt werden, was das Zeug hält.“

Erfahrungen, die den Blick noch mehr schärfen: „Wenn man sieht was klimamäßig passiert, dann müssen wir uns einfach anders aufstellen“, sagt Barbara. „Ich würde jedes Projekt annehmen, das hilft, die Dörfer mit erneuerbaren Energien zu versorgen, und das uns hilft, dass wir uns auch sonst autark aufstellen können.“ Dieses Ziel hat sie auf ihrem eigenen Grundstück bereits weitgehend erreicht: „Wir versorgen uns hier zu zwei Dritteln selbst, mit Gemüse und Obst aus dem eigenen Garten.“ Für Barbara Ziemann-Oberherr sind das Strukturen, die in der Gesellschaft wieder aufleben sollten – eine modernisierte Mischung aus dem Landleben von ehedem und einer zeitgemäßen Versorgung mit klimafreundlichen Energien: „Das ist für mich eine moderne Vision.“

Text: Mirja Schneemann