Unsere Mobilität benötigt nicht nur im Individualverkehr Alternativen, sondern auch beim Transport und auf der letzten Meile im urbanen Raum. Das Ziel ist eine nachhaltige, zukunftsfähige Mobilität, frei von gesundheits- und klimaschädlichen Emissionen und mit lebenswerten Innenstädten. Einen Teil der Lösung bietet die Radlogistik mit modernen Cargobikes und Lastanhängern. Für unsere Artikelreihe #bemybikefriend haben wir mit Dr. Tom Assmann, ehrenamtlicher Vorsitzender des Radlogistik Verband Deutschland e.V. (RLVD), über die Verbandsarbeit gesprochen – und über seine Passion für das Rad an sich.

Green Planet Energy: Lieber Tom, bevor wir auf deine Arbeit im RLVD eingehen, möchten wir mehr über deine Passion für das Rad erfahren. Was bedeutet das Fahrrad für dich?

Tom Assmann: Das Fahrrad bedeutet für mich zuallererst Freiheit. Es ist das einzige Verkehrsmittel, dass es mir zu jeder Zeit in meiner Region erlaubt, umweltfreundlich und nahezu kostenfrei zu Freunden, Verwandten oder nach Hause zu fahren. Diese Eigenschaften und Flexibilität bietet sonst kein anderes Verkehrsmittel. Dazu kommt der Bonus, dass man sich bewegt, fit bleibt, morgens die Müdigkeit abschüttelt und abends nach der Arbeit entspannt, statt im Stau zu stehen.

Green Planet Energy: Seit Mai 2021 bist du ehrenamtlicher Vorsitzender des RLVD. Was hat dich zu diesem Engagement für die Radlogistik motiviert?

(Quelle: rlvd.bike)

Tom Assmann: Unser Verband wurde 2018 von Menschen gegründet, die mit ihren Unternehmen Logistik umkrempeln wollen. Die Energie und der Kooperationswille in der Branche sind wirklich etwas Besonderes. Wenn man die Logistikwende ernsthaft als Teil der Verkehrswende will, muss man aber auch Kraftfahrzeuge von der Straße nehmen, Förderungen ausbauen, Gesetze erzielen, die Fahrräder und Fußverkehr gegenüber Autos besserstellen, also andersrum als jetzt, sowie Kostengerechtigkeit herstellen. Dafür braucht es viele engagierte Personen in einem Verband, der sich genau dafür einsetzt.

Green Planet Energy: Und wie kamst du dazu, dich gerade mit Lastenrädern zu beschäftigen?

Tom Assmann: Ich bin von Herzen Logistiker und begeistere mich dafür, Transportsysteme zu planen, zu verbessern oder effizienter zu gestalten. Angesichts der Klimaerwärmung wurde mir zum Ende meines Studiums klar: Kleine Verbesserungen im Bestehenden reichen nicht, es braucht eine Systemänderung. Zu dieser Zeit, um 2015, wurden Lastenräder wieder populär und meine Leidenschaft dafür, sie in der Logistik zu nutzen, konnte ich an der Universität Magdeburg hauptamtlich in Forschungsprojekten umsetzen.

Green Planet Energy: Wie du gerade schon sagtest bist du am Institut für Logistik und Materialflusstechnik an der Otto von Guericke-Universität in Magdeburg tätig. Wie kannst du dies mit deinem Engagement für den Verband verknüpfen?

Tom Assmann: An der Uni Magdeburg forsche ich samt tollem Team und Partner:innen zur Planung von urbaner Logistik und zukünftigen Transportsystemen. Hier kann ich das Theoriefeld und neue Wissensbereiche erkunden und habe die Freiheit, über den Tellerrand zu blicken. Die Erkenntnisse fließen in die RLVD-Arbeit ein, um unsere Welt nachhaltiger und ökologischer zu gestalten. So kann ich aus der Wissenschaft heraus direkt etwas zurückgeben.

Green Planet Energy: Wie sieht in einer idealen Welt aus deiner persönlichen Sicht die optimale Logistik aus?

Radlogistik: Frau auf Lastenrad mit Anhänger
(Rechte: Heavy Pedals)

Tom Assmann: Die Logistik ist ein komplexes Feld, das sich viel weiter als nur über Lastenräder, LKW und Schiffe spannt. Die für mich ideale Logistik ermöglicht es, im Einklang mit den planetaren Grenzen zu leben. Davon ist die Branche meilenweit entfernt. Wir müssen also mit den Paradigmen einer standardisierten, globalisierten Massenproduktion brechen und stattdessen weitestgehend regionale, resiliente Wertschöpfungsnetzwerken entwickeln. So lässt sich das Besondere, langfristig Werthaltige erzeugen – und damit das schnell vergängliche, überall Verfügbare ersetzen.

Green Planet Energy: Welchen Wandel hältst du für realistisch?

Tom Assmann: Ich halte einen Anteil von 30 Prozent Radlogistik am urbanen Wirtschaftsverkehr bis 2030 für ambitioniert, aber umsetzbar. Dann ist jedes 3. Fahrzeug von Logistikdienstleistern, Handwerker:innen oder Pflegediensten ein Lastenrad. Das mag heute noch leicht verrückt klingen. Wenn wir aber als Gesellschaft ernsthaft den Energieverbrauch und die CO2-Emissionen reduzieren wollen, dann wird das passieren müssen.

Green Planet Energy: Was müssten die ersten Schritte auf diesem Weg sein?

Tom Assmann: Der erste Schritt muss der Mut sein, substanziell Prioritäten zu ändern. Nachhaltige, autoarme Städte wie Gent, Kopenhagen oder Groningen entstanden, weil Politik und Verwaltung in der Vergangenheit konsequent gehandelt haben. Heute sind es wunderbare, beliebte, attraktive Städte. Es braucht keine autonomen PKW, Drohnen, Untergrundbahnen und riesige E-Ladeparks, sondern das Ende von Steuerprivilegien für Kfz, mehr ÖPNV, sichere Radwege sowie einen Städtebau der kurzen Wege. Die Straßenplanung muss Kinder und Senioren anstelle von Autos in den Mittelpunkt rücken. Und sich konsequent daran orientieren, dass die uns nachfolgenden Generationen das Recht auf ein ähnlich gutes Klima haben, wie wir es erleben dürfen. Wenn von Bundes- bis Stadtebene dieser Fokus gewählt wird, dann kommt Radlogistik von ganz allein. Und dann ist auch sicher genug Platz für alle auf der Straße.

Green Planet Energy: Im RLVD setzt ihr euch für genau solche Veränderungen ein. Wie arbeitet ihr im Verband darauf hin? Was sind eure Ziele?

Radlogistik: Lastenrad des Radlogistikverband Deutschlands e.V.
(Rechte: RLVD)

Tom Assmann: Als Verband vertreten wir die Pionier:innen der Radlogistik. Diese Unternehmen haben das Thema binnen weniger Jahren aus der Nische mitten in die öffentliche Diskussion gebracht. Unser Ziel ist, die Verkehrswende durch die Logistikwende zu ergänzen. Dafür betreiben wir Netzwerk- und Lobbyarbeit, wollen bessere soziale und ökologische Standards in der Branche etablieren, Forschung und Entwicklung fördern – und, ganz praktisch, eine bundesweite Buchungsplattform für Radlogistik aufbauen.

Green Planet Energy: Der RLVD und Green Planet Energy kooperieren schon. Was ist euer Motiv dabei?

Tom Assmann: Moderne Lastenräder ermöglichen pro gefahrenen Kilometer in der Zustellung 90% und mehr Energie einzusparen. Dennoch verbrauchen wir Strom. Für uns wie für E-Autos gilt: Wenn wir wirklich klimafreundlich sein wollen, dann braucht es dafür Grünstrom, der den Namen auch verdient. Dafür ist GPE die richtige Partnerin.

Green Planet Energy: Die Radlogistik könnte also ein wichtiges Element einer erfolgreichen Verkehrswende sein. Wenn du Verkehrsminister wärest, was würdest du als erstes ändern?

Tom Assmann: Es muss sehr viel geändert werden. Zwei Dinge mit hoher symbolischer Wirkung lassen sich rasch umsetzten: Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in Städten. Und: Das Aufhängen einer umgedrehten Pyramide der Verkehrsplanung im Foyer des Ministeriums – mit Fuß- und Radverkehr als höchste Priorität.

INFO: Am 20. und 21. September 2022 richtet der Radlogistikverband Deutschland e.V. die 3. Nationale Radlogistikkonferenz in Hannover aus. Weitere Informationen finden Sie unter https://rlvd.bike/konferenz-2022/

(Beitragsbild: Rechte Jana Dünnhaupt)