Laufzeitverlängerung, nein danke: Unterwegs mit Ausgestrahlt

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Wegweiser
Laufzeitverlängerung ohne uns: Mit Erneuerbaren in die Zukunft / Foto (c) Simon Kumm

Laufzeitverlängerung, nein danke! Der Anti-Atom-Protest ist auch in diesem Sommer bunt, vielfältig und lebendig. Im Juli fand die erste Hälfte der Anti-Atom-Radtour von Tihange in Belgien bis nach Gorleben statt. 1.200 Kilometer, drei Länder, 21 Etappen und zahlreiche Aktionen, Kundgebungen und Infostopps. Green Planet Energy ist bei der 18. Etappe von Lübeck nach Hamburg Bergedorf mitgeradelt.

Der Himmel über Lübeck ist grau und regenverhangen an diesem Dienstagmorgen Ende Juli. Von einem Regenguss lassen sich die geübten Anti-Atom-Radfahrer:innen allerdings nicht schrecken: Regencape übergeworfen und los geht die Fahrt von Lübeck Richtung Hamburg Bergedorf. Auf der 18. Etappe der Ausgestrahlt-Sommertour radelt auch Valérie Lange von Green Planet Energy mit. Sie arbeitet seit März 2021 im Team Politik und Kommunikation und findet es wichtig, dass der Protest auch auf den Straßen sichtbar ist: „Es ist bewundernswert, mit wie viel Energie und Ausdauer die Protestierenden seit vielen Jahren, ja Jahrzehnten ihren Widerstand bunt und friedlich, aber auch lautstark artikulieren.“

Ausgestrahlt-Radtour von Lübeck nach Hamburg-Bergedorf
Diese Fässer sehen nur gefährlich aus: Die Ausgestrahlt-Fahrer:innen auf dem Weg nach Krümmel

Zwischenstopp beim „Störfall“-AKW Krümmel

Ein Zwischenstopp der 18. Etappe ist das Kernkraftwerk Krümmel. Das 1983 in Betrieb genommene Kraftwerk, benannt nach dem Geesthachter Ortsteil Krümmel, stand viele Jahre als Synonym für Störfälle. Bereits zwei Jahre nach Inbetriebnahme musste das AKW zum ersten Mal wegen eines Defekts abgeschaltet werden. Es folgten zahlreiche weitere Störungen im Betriebsablauf, darunter ein brennender Transformator, ein defektes Brennelement und ein Kurzschluss kurz hintereinander im Sommer 2007. Seither ist Krümmel nicht mehr am Netz gewesen.

Fünf Kilometer vom Kernkraftwerk entfernt wohnt Familie Boll, die sich von Anfang an gegen den Bau stemmte und Unterschriften sammelte. Bettina Boll und ihr Mann Gerhard hatten es schwer, denn viele Geesthachter:innen standen dem Atomkraftwerk positiv gegenüber. Die Anlage versprach Arbeit in der Region, die Risiken der Atomkraft wurden von der Politik kleingeredet.

Bettina Boll empfängt die Ausgestrahlt-Tour herzlich und lädt zur Besichtigung des umfangreichen Anti-Atom-Archivs der Familie ein. Flugblätter, Infobroschüren, Plakate, Studien, Briefwechsel und Zeitungsartikel aus über 30 Jahren Widerstand liegen aus. Ein Gegenstand, ein Stichwort und Bettina und Gerhard Boll bringen verschiedenste Episoden des Anti-Atom-Kampfes in Geesthacht zum Leben. Die zahlreichen Dokumente belegen zweierlei: Hartnäckigkeit und den Willen, etwas zu ändern, die Dinge nicht so zu akzeptieren, wie sie sind.

Das endgültige Aus für deutsche AKW: Die Katastrophe von Fukushima

Am 26. April 1986 dann die Atomkatastrophe von Tschernobyl. „Das hätte die Verantwortlichen doch damals schon aufrütteln müssen“, meint Gerhard Boll nachdenklich. Doch erst nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima im März 2011 kam das Aus: Krümmel wurde endgültig stillgelegt.

„Fukushima hat auch den westlichen Ländern klar vor Augen geführt, dass selbst ein hochtechnisiertes Land wie Japan nicht ansatzweise auf eine nukleare Katastrophe vorbereitet ist. Atomkraft ist hochriskant, teuer und bremst die Energiewende aus“, fasst Valérie Lange zusammen.

Die Ausgestrahlt-Radtour fährt weiter. Samstag in einer Woche, am 13. August, startet die Südtour in Kahl am Main und endet am 4. September nach weiteren 1.200 Kilometern in 20 Etappen in Freiburg. Wer mitfahren möchte, kann jederzeit während der einzelnen Etappen dazustoßen. Hier kann man sich vorab anmelden, wenn man einen Schlafplatz benötigt.

Der Protest gegen Atomkraft und Laufzeitverlängerung bleibt laut

Bettina Kruse, die beim Nordteil der diesjährigen Ausgestrahlt-Radtour mitgestrampelt ist, freut sich bereits auf die Abschaltparty am letzten Tag dieses Jahres:

„Am 31. Dezember 2022 planen wir, die Abschaltung der letzten drei verbliebenen AKW in Deutschland zu feiern, falls bis dahin kein Störfall passiert. Sollte die Bundesregierung auf Laufzeitverlängerungen setzen, gibt es Protest und deutlichen Widerstand durch uns Anti-Atom-Aktivist:innen.“

INFO: Gute Gründe gegen Laufzeitverlängerung, basierend auf aktuellen Studienergebnissen, haben wir hier für Sie zusammengefasst.