In diesem Jahr spielten die Energiemärkte in Europa verrückt – und das treibt 2022 die Preise für Strom und Gas in die Höhe. Auch bei Green Planet Energy. Wir haben aber auf die Bremse getreten – und Vorschläge gemacht, wie der rasche Ausbau von Windkraft und Photovoltaik die Energiepreise künftig stabilisieren kann.

Aktualisierung vom 19.11.21, 8.00:

Der Großhandelspreis für Gas ist derzeit sehr volatil und auf einem historisch hohen Niveau. Von dieser Preisrallye sind wir auch als Ökoenergieversorger betroffen, sie bedeutet für uns eine enorme Belastung. Aufgrund der derzeit extrem hohen Beschaffungskosten für Gas können wir mögliche neue Kund:innen nicht mehr zu unseren aktuell geltenden Konditionen versorgen. Im Sinne unserer Bestandskund:innen haben wir uns deshalb dazu entschieden, in der Gasversorgung vorübergehend keine Neukund:innen mehr anzunehmen. Wir bedauern diesen Schritt, der aufgrund der aktuellen Situation leider bis auf Weiteres notwendig ist, und hoffen bald wieder neue Kund:innen bei uns begrüßen zu können.

Gerade jetzt, wo die Energiemärkte aus den Fugen zu geraten scheinen, stellt sich die Frage nach den Ursachen einer des rasanten Aufs und Abs der Strom- und Gaspreise: Ein Grund ist, dass sich die Weltwirtschaft im Laufe des Jahres 2021 von der Krise durch die Covid-19-Pandemie wieder zu erholen begann. Das führte auch zu einem unerwartet starken Anstieg der weltweiten Kohle- und Erdgasnachfrage. Zugleich war das Angebot für Kohle und Erdgas für Lieferungen nach Europa im Herbst 2021 überdurchschnittlich knapp. Fatih Birol, der Leiter der Internationalen Energieagentur in Paris, spricht im Zusammenhang mit den Gaslieferungen von „geplanten und ungeplanten Produktionsunterbrechungen“. Das weist in Richtung eines Landes, von dessen Handeln auch die EU abhängt: Russland.  Das mangelnde Energieangebot und andere Effekte – etwa die Rolle von Spekulanten – führten dazu, dass die Handelspreise für Kohle und Erdgas in Europa, aber auch in Deutschland neue Höchstwerte erreichten.

„Solch eine Preisexplosion hat es noch nie gegeben“, sagt Johann Schmidt, der Leiter der Energiewirtschaft bei Green Planet: Im Oktober schoss der Gaspreis auf fast 70 Euro. Im Sommer noch lag er bei 15 Euro je Megawattstunde. Auch Öl verteuerte sich von 20 auf 80 Euro je Barrel. Was auf den ersten Blick wie ein Problem nur für Vielfahrer:innen mit dem Auto, Flugreisende und energieintensive Unternehmen wirkt, trifft tatsächlich alle Verbraucher:innen. Und damit auch Ökoenergiegenossenschaften wie Green Planet Energy. Denn weil die Preise für Ökoenergie sich an den Börsenpreisen für fossiles Gas, Öl und Kohle orientieren, wird auch der Einkauf erneuerbarer Energieträger wie Biogas oder Wind- und Solarstrom teurer.

Die aktuelle Verknappung von Erdgas ist politisch gewollt

„Die Verknappung war und ist politisch gewollt. Darüber ist sich der Energiehandel einig“, sagt Johann Schmidt. Die Indizien: Gazprom weigerte sich, Gas durch ukrainische Pipelines zu liefern. Deren Kapazität wurde teils nur zu einem Drittel genutzt. Im niedersächsischen Rehden wiederum betreibt der russische Staatskonzern über eine Tochterfirma Europas größten Gasspeicher. Der war 2021 lange fast leer und Mitte September nur halb voll. Solch knappe Speicherstände kurz vor der Heizsaison gab es viele Jahre nicht. Fatal: Denn Deutschland braucht russisches Gas, etwa für die Wärme von Millionen gasbeheizten Wohnungen. Der Marktanteil russischer Konzerne, vor allem Gazprom, liegt im Gassektor bei über 60 Prozent. Liefert der Riese Gazprom weniger, als nachgefragt wird, können die Zwerge das nicht ausgleichen – und Panik im Markt treibt die Preise durch die Decke.

„Russland macht durch das Abdrehen des Gashahns Druck, damit Europa die umstrittene Pipeline North Stream 2 genehmigt“, gibt Schmidt die verbreitete Überzeugung der Energiehändler wieder. Als ob es noch eines Beweises für den Einfluss des Kremls auf den Gasmarkt bedurft hätte, erbrachte ihn Präsident Putin persönlich: Zwei Interviews mit der Ankündigung größerer Lieferungen reichten, um den Preis jeweils auf Talfahrt zu schicken (siehe auch Grafik 1).

Green Planet Energy kauft langfristig im Voraus ein

„Die Energiepreise werden an Spot- und Terminmärkten der Börsen gebildet“, sagt Johann Schmidt von Green Planet Energy.“ Ob sie steigen oder fallen, erläutert unser Chefeinkäufer, hängt von diversen Faktoren ab: wie stark der Wind weht und die Sonne scheint, vom Preis für CO2-Emissionszertifikate und vor allem von den Preisen für Gas, Kohle und Öl. Sind die hoch, etwa aufgrund der Nachfrage durch starkes Wirtschaftswachstum, steigen parallel auch die Preise für Ökostrom oder Biogas. „Wir selbst kaufen zwar nie an der Börse ein, sondern immer direkt von Ökokraftwerksbetreibern oder deren Vermarktern. Zudem kaufen wir den größten Teil unseres Stroms schon ein bis zwei Jahre im Voraus. Doch auch wir müssen manchmal Mengen relativ kurzfristig zukaufen, weil wir trotz unserer Prognosen vorab nie wissen, wie viel Energie unsere Kund:innen wirklich verbrauchen“, erklärt Schmidt.

Nils Müller, Vorstand von Greenpeace Energy

Produzent:innen etwa von Windstrom orientieren sich am – aktuell extrem hohen – Preisniveau an den Börsen, wenn sie Strom an Green Planet Energy verkaufen. Für die Energiegenossenschaft sind die hohen Marktpreise daher eine Herausforderung. Denn um die auch wegen eines unerwartet starken Kundenwachstums entstandene Lücke zwischen Prognose und Verbrauch zu schließen, musste er in der Preiskrise zwar nur kleine Teile nachkaufen. Das aber waren teure Deals, weil auch die Ökoenergieproduzenten höhere Preise forderten. Immerhin: Die absoluten Preisspitzen zu Ende Oktober konnten Schmidt und sein Team „aussitzen“. „Alles in allem“, sagt Nils Müller, einer der beiden Vorstände von Green Planet Energy, „ist die Versorgung unserer Bestandskund:innen aber aufgrund unseres langfristigen Einkaufs trotz dieser außergewöhnlichen Situation gesichert und unsere Preisgarantie bis zum Jahresende 2021 steht.“

Auf den Strompreis wirken viele Faktoren ein

Doch auch weitere Faktoren wie die EEG-Umlage oder die Netzentgelte und weitere staatliche Abgaben wirken sich auf den Strompreis aus. „Als nicht profitmaximierende Genossenschaft haben wir hier aber einen klaren Kurs“, sagt Green Planet Energy-Vorstand Müller: „Wir geben, egal ob bei Strom oder Gas, nur die tatsächlichen Mehrkosten an unsere Kund:innen weiter.“ Und so werden die Strompreise im Jahr 2022 trotz aller Turbulenzen „nur“ um rund 1 Cent je Kilowattstunde ansteigen.

Zwar ist Deutschland bei den Gaslieferungen vom Goodwill Russlands abhängig, dennoch hat es  Möglichkeiten, durch eigene Maßnahmen mittelfristig die Energiepreise sinken zu lassen: Was die Bundesregierung tun kann, zeigt eine kürzlich veröffentlichte, von Green Planet Energy in Auftrag gegebene Analyse des Berliner Analyse-Instituts Energy Brainpool. Sie macht auf eine der Ursachen aufmerksam, die jetzt auf den Strompreis in Deutschland einwirkt: Je größer der Anteil fossiler Kraftwerke an der Stromerzeugung, desto stärker schlagen die Beschaffungskosten dieser Kraftwerke für Kohle und Gas (sowie für CO2-Zertifikate) auf die Kosten zur Strombereitstellung durch.

Schneller Ökostrom-Ausbau führt zu sinkenden Stromkosten

 

Fazit der Analyse von Energy Brainpool: Das teuerste konventionelle Kraftwerk (rechts) setzt den Preis. Ein verstärkter Zubau von günstigeren erneuerbaren Energien schiebt die teuren fossilen Kraftwerke aus dem Markt. Das senkt den Strompreis.

Wie aber bekommt man die steigenden Strom- und Gaspreise wieder in den Griff? Die Lösung: Schnell weg von jeglichen fossilen Brennstoffen – hin zu ausschließlich erneuerbaren Energien. Hier besteht gerade in der aktuellen Situation aus Sicht von Green Planet Energy dringender Handlungsbedarf.

Die Analytiker von Energy Brainpool zeigen ganz klar, wie der beschleunigte Kohleausstieg die Stromkosten sinken lässt. Michael Claußner, Experte bei Energy Brainpool sagt: „Je schneller zusätzliche erneuerbare Energien als Ersatz für die scheidenden Kohlekraftwerke ausgebaut werden, desto seltener müssen vergleichsweise teure, fossile Kraftwerke eingesetzt werden und desto niedriger fällt der Strompreis am Großhandelsmarkt aus.“

proWindgas: Anteil erneuerbarer Gase wird weiter erhöht

Trotz der schwierigen Marktlage bleibt Green Planet Energy bei den proWindgas-Tarifen bei seiner Strategie: „Wir werden den Anteil CO2-freier Gase 2022 wie versprochen von aktuell zehn auf bis zu 20 Prozent verdoppeln“, sagt Vorstand Nils Müller. Doch das kostet: Zwar dürften die Preise für fossiles Gas wieder deutlich sinken, doch der Preis für nachhaltig produziertes Biogas – etwa aus Biomüll – dürfte weiter über 70 Euro liegen, weil die Industrie Biogas kauft, um ihre Treibhausgasminderungsquoten zu erfüllen. Auch grüner Wasserstoff dürfte sehr teuer bleiben. „Das wirkt sich auf unsere proWindgas-Tarife stärker aus als die Kontroversen um russisches Gas“, erklärt Nils Müller. „Wir arbeiten deshalb hart daran, dass unsere Kund:innen nicht nur ein energiewendedienliches Gas, sondern auch weiter ein bezahlbares Produkt erhalten.“ Klar ist aber in jedem Fall: Aus Klimaschutzgründen plant die Energiegenossenschaft weiter, schon bis 2027 aus Erdgas aussteigen.

Ein Gutes hat die Panik am Gasmarkt: Industrie und Politik lernen gerade, dass sie sich auf allzeit billige fossile Energie nicht verlassen können. Und: dass Windkraft, Photovoltaik und Co. schon jetzt und erst recht in Zukunft für niedrige Energiepreise sorgen – ein starkes Argument für ihren beschleunigten Ausbau.

Mehr Infos: Das Factsheet von Energy Brainpool wurde im Rahmen der laufenden „Kick out Kohle“ – Kampagne veröffentlicht und ist hier aufrufbar.