Deutschland kann trotz einer Abkehr von russischen Energierohstoffen bis zum Jahr 2030 komplett aus der Kohleverstromung aussteigen – bei voller Versorgungssicherheit. Zudem lässt sich der CO2-Ausstoß dabei sogar noch deutlich absenken. Voraussetzung dafür ist, dass die Erneuerbaren Energien zugleich unter Hochdruck ausgebaut werden.

Das sind die Kernergebnisse einer neuen Studie des Analyseinstituts Energy Brainpool im Auftrag der Ökoenergiegenossenschaft Green Planet Energy. „Die Bundesregierung darf den schnellen Kohleausstieg nicht verschleppen. Die neue Studie zeigt, wie wir auch angesichts des Ukraine-Krieges das nötige Tempo halten können – und den Klimaschutz sogar noch verstärken können“, sagt Sönke Tangermann, Vorstand bei Green Planet Energy.

Vorstand Greenpeace Sönke Tangermann. Foto: Christine Lutz / Green Planet Energy eG; Foto oben: ©Ed Harley – stock.adobe.com 

Im Sinne eines größtmöglichen Klimaschutzeffekts schlägt Energy Brainpool eine konkrete Abschaltreihenfolge für die deutschen Kohlekraftwerke vor: Zuerst stillgelegt werden müssen demnach besonders ineffiziente, schmutzige Braunkohlemeiler, während am Ende der vorgeschlagenen Abschaltliste modernere Steinkohlekraftwerke mit hohem Wirkungsgrad stehen. Durch diese für den Klimaschutz optimierten Abschaltreihenfolge können laut Studie bis zu 310 Millionen Tonnen CO2-Emissionen zusätzlich eingespart werden. „Weil in diesem Fahrplan zuerst zahlreiche Braunkohlemeiler stillgelegt werden, lassen sich außerdem Tagebaue so beenden, dass dort keine weiteren Dörfer mehr abgebaggert werden müssen“, sagt Sönke Tangermann.

Studienautor Fabian Huneke von Energy Brainpool.

Die in der Politik diskutierte Idee, den Kohleausstieg zunächst zu verzögern, um russisches Erdgas in der Stromerzeugung zu ersetzen, führt laut Studie hingegen nur zu minimalen Effekten: „Durch den Ersatz von Gaskraftwerken bei der Stromproduktion durch Kohlekraftwerke kann nur rund ein Prozent der deutschen Erdgasnachfrage eingespart werden, maximal sechs Terawattstunden im Jahr“, so Fabian Huneke von Energy Brainpool. Zugleich, so Huneke, würden dadurch aber zusätzliche 55 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen. Nach Analyse des Energieexperten ist nicht ein späterer Kohleausstieg, sondern eine schnellere Wärmewende ein wichtiger Faktor für geringeren Gasverbrauch. Gas wird hauptsächlich im Wärmebereich genutzt, weshalb Maßnahmen zur Energieeinsparung im Wärmesektor wie der Einbau von Elektrodenkesseln in KWK-Anlagen, ein schneller Umstieg auf Wärmepumpen und effizientes Heizen besonders wirkungsvoll sind.

Wasserstoff spielt als Erdgasersatz und als Flexibilitätsoption eine tragende Rolle, so die Studie.

Um die zügige Abschaltung klimaschädlicher Kohlekraftwerke mit ihrer Gesamtkapazität von 29 Gigawatt kompensieren zu können, ist allerdings nicht nur ein entschlossener Ausbau Erneuerbarer Energien nötig. Darüber hinaus sinnvoll und hilfreich wären auch Produktionsanpassungen bei den Energieverbrauchern, vor allem bei der chemischen Industrie. So benötigt allein die Ammoniak-Herstellung hierzulande jährlich 28 Terawattstunden Erdgas. Die Verlagerung dieser Produktion in sonnenreiche Länder könnte gewaltige Mengen fossiles Erdgas hierzulande einsparen. Zugleich könnte die Ammoniak-Herstellung auch klimafreundlicher werden, indem der hierfür produzierte Wasserstoff mithilfe von Solarstrom erneuerbar produziert wird.

Auch als Erdgasersatz und als Flexibilitätsoption im deutschen Energiesystem spielen grüner Wasserstoff und dafür ausgelegte Gaskraftwerke laut Energy Brainpool eine tragende Rolle: Um diesen grünen Wasserstoff im Sinne der Energiewende vor allem mithilfe von Ökostrom-Überschüssen zu erzeugen, müssten bis 2030 hochflexible Elektrolyseure mit einer Leistung von bis zu 20 Gigawatt gebaut werden. Das ist doppelt so viel wie aktuell von der Bundesregierung vorgesehen. „Hier spielen vor allem kleinere, dezentral installierte Elektrolyseure eine wichtige Rolle“, erklärt Sönke Tangermann, „die deutsche Wasserstoffstrategie sollte dringend um diesen Punkt ergänzt werden.“

Mehr Infos Die Studie von Energy Brainpool finden Sie hier zum Download.